Allgemein, Für den Kopf

Tausend

heart

She was broken from moment to moment,
watching her world collide she felt lost inside herself.
She fell apart for a passion that flamed beneath her.
She waited and died a hundred times,
it dripped from her pores.”

Robert M. Drake

Ich habe tausend Leben gelebt, tausendmal geliebt, bin tausend Tode gestorben als es zu Ende ging. Habe bereits mehr gelitten mehr als manche Menschen in ihrem gesamten Leben, wie der ein oder andere zu mir meinten.

Nunja, ich kann es nicht leugnen: Leid trage ich in mir, eine gewisse Schwere im Herzen. Ich hab schlimme Dinge in der Jugend erlebt, nun als Folge davon anstrengende Krankheiten, die mir eine tägliche Qual sind. Mich verfolgten schon mehrere Stalker und ich überstand völlig zerstörerische Beziehungen.

Es gab Zeiten, in denen ich vor unerträglichem emotionalem Schmerz ausschreien musste; Stunden verbrachte weinend auf eiskalten Fliesen zu liegen. Die Kraft zurück auf die Beine zu kommen fehlte und irgendwie gehörte ich auch hier hin – in die Kälte, zumindest zu diesem Zeitpunkt. Denn so melodramatisch es klingen möge: Diese Kälte passte zu meinen Gefühlen, also ertrug ich sie, während die Tränen liefen bis irgendwann keine mehr kamen.

Auch ist das vielleicht nicht eigentlich Liebe,
wenn ich sage, dass Du mir das Liebste bist;
Liebe ist, dass Du mir das Messer bist,
mit dem ich in mir wühle.“

Franz Kafka

Lucy

Ach Trennungen – Es sind tausende Gedanken, die mich in diesen Momenten quälen, tausend Zweifel, die meinen Spiegel trüben, tausend Erinnerungen in meinem Kopf. Und auch das Herz erinnert sich.

heart

Und ihn, …
ja ihn, …
habe ich bestimmt hundertmal berührt, hundertmal geküsst und jetzt werden tausend Gedanken des Vermissens nicht mal annähernd ausreichen.

Nun ist es aus, wie so oft im Leben. Und warum das Alles? Warum trennen wir Menschen uns ständig? Es könnte doch so schön sein – sich gemeinsam den Widrigkeiten des Lebens stellen. Aber so viele sind unglücklich. Unzählige Ehen werden geschieden (ca. 40%), viele Paare sind nur Paare auf Zeit. Das mag verschiedene Ursachen haben – Illusionen, Machtdünkel und mit Sicherheit auch der erdrückende Alltag.

Trotzdem: Liebe ist überall. Kein Werbeblock vergeht, an dem das Thema nicht aufgegeriffen wird. Jeder spricht, schreibt, klagt darüber. Keiner will und kann ohne sie leben. Liebe ist einer der großen Mythen unserer Gesellschaft. Nur funktioniert sie allzu oft nicht wie erhofft. Einer der Gründe ist laut dem Buch mit dem vielsagenden Titel „Der Konsum der Romantik“ der Gegensatz vom romantischem Liebesideal und der kalten Welt der Ökonomie.

Ist es also das, was die die Romantik immer wieder scheitern lässt? Ein Widerspruch von Ideal und Lebensrealität oder konsumieren manche Liebe gar ebenso wie Fastfood? Also Partner als Snack zwischendurch, Liebe als Konsumgut?

Lucy

Es scheint schon so als würde die Mehrheit der Menschen heutzutage versuchen, so viel sexuelle und emotionale Erfahrung wie möglich anzuhäufen, um auch „wirklich gelebt zu haben“, eventuell auch um eine gewisse Reife zu erlangen. Aber ist das schon Konsum oder ganz normale Lebenserfahrung?

heart

Nun ja, Fakt ist doch: In der Moderne, zu Zeiten von Social Media – also einem Überfluss an Vergleichsmöglichkeiten, erfahren viele in der Tat Bestätigung größtenteils durch (Liebes)Beziehungen. Und manche ausgedörrten Seelen dürsten förmlich nach dem (immer neuen) Egopush. Demnach komm eben eine nach der anderen / einer nach dem anderen.

Aber wer bin ich darüber zu urteilen?! Natürlich ist es erstrebenswert Selbstwert nicht über andere zu beziehen. Doch wer kann im Einzelfall schon sagen, warum ein Mensch so handelt? Sollen sie sich doch ausprobieren, natürlich immer auf rücksichtsvolle Art und Weise. Mir persönlich dürstet es einfach nicht nach immer neuen One Night Stands oder beiläufigen Affären mit Gelegenheitsbekanntschaften. Aber gerade in der Welt der Sexualität gilt doch: alles kann, nichts muss. Daher lebe natürlich auch ich wie es sich richtig anfühlt.

heart

Ob Promiskuität oder Monogamie, ob homo-, hetero-, asexuell, autosexuell oder platonisch, ob Ehe, informelle Partnerschaft oder Single, ob Familie oder kinderlos – keiner dieser oder anderer Formen von Liebesbeziehungen gebührt ein moralisches Vorrecht vor anderen. Für welche Möglichkeit sich die einzelnen entscheiden, sollte allein ihrer souveränen Wahl, ihrer selbst- und fremdverantwortlichen Experimentierfreudigkeit überlassen sein. (vgl. bibliothekderfreien) Nur um das mal klar zu stellen!

Aber so oder so, egal welches Beziehungsmodell man für sich wählt, hart ist der tiefe Fall nach einer Trennung meist. Und damit meine ich all die Folgen, die das beinhaltet: Die quälenden Gedanken, Fragen und Zweifel, die den Kopf zermartern, einem förmlich die Lebenslust saugen. Wie man sich quält und windet. Dies kann so weit gehen, dass man sich nur noch wie ein Abbild der Person fühlt, die man einmal gewesen ist (oder glaubte gewesen zu sein). Ja, das Scheitern einer Beziehung empfinden viele so, als werde ihr Selbstwert massiv untergraben.

Lucy
heart

Ich frage mich nun also, wer bin ich nach all diesen Erfahrungen? Was hat es mit mir gemacht?

Ein Punkt hat sich jedenfalls nicht geändert: Ich bin und bleibe wohl – ein hoffnungsloser Romantiker. Aber macht es mich am Ende nicht auch aus, dass ich so unverdrossen an der Idee der romantischen Liebe festhalte? Doch funktioniert mein Herz auf diese Art oder ist es schlichtweg trottelige Naivität, ein krank-machender Idealismus? Waren es zu viele Märchen in der Kindheit und Hollywood-Liebesschnulzen als Jugendliche, die meinen Kopf nun weich gekocht haben?!

Tausend mögliche Gründe und ich werde wohl nur vermuten können, wo exakt die Ursachen für diesen Optimismus liegen, der auch mich immer wieder antreibt in neue Liebesabenteuer aufzubrechen. Schlussendlich ist es wohl wie bei den meisten Dingen: ein farbenfrohes Bouquet aus allen Einflüssen, die das Leben für uns bereit hält.

Die gewitzte Soziologin Eva Illouz philosphierte zu der Faszination an moderner Liebe: „Es gibt diese tiefe Sehnsucht danach, dass jemand die Einzigartigkeit unserer Existenz anerkennt. Und die Idee der Liebe ist auch deshalb so kostbar für uns, weil sie nicht eigennützig ist. Sie ist absichtslos, und genau das macht die Schönheit der Liebe aus.“

Das ist es also, was die Menschen träumen lässt, weiter voran schreiten lässt, auch wenn sie schon so oft liebesbedingt litten. Doch weil der Mensch Liebe so dringend bedarf, macht ihn diese Sehnsucht auch verwundbar. Nun ist Verwundbarkeit wiederum etwas, was den Zauber des Ganzen ausmacht.

Lucy

Also Verwundbarkeit in Kauf nehmen für die Liebe? Offen bleiben trotz in sich wütender Angst? Mein Traumatherapeut würde zu diesem Thema ausführen, dass all die Dinge, die ich erreichen werde und erreicht habe, Resultate meiner individuellen Ressourcen sind. Ähm ja, das verdient eine kurze Reflektion:

heart

Denn diese These impliziert, wäre ich nicht offen und vertrauensselig, wäre ich nie, wo ich jetzt bin, hätte nicht diese tollen Menschen an meiner Seite; hätte weder die schönsten Abenteuer meines Lebens erlebt, noch hätte ich geliebt und wäre im Umkehrschluss auch nie geliebt worden. Doch wer mag sie schon missen, all diese Erfahrungen? Ich vermag es mir nicht mal vorstellen! Da hat er einen guten Punkt angebracht, dieser kluge Menschling.

Meine Gedanken schweifen. Und während ich hier so die leeren Seiten mit Leben fülle, läuft nebenbei ein schmalziger Liebesfilm im Fernsehen. Und was macht es mit mir? Es hat sich etwas geändert.

Ich verspüre mit keiner Faser mehr diesen Schwermut, wie früher als kleiner Pup, solche Dinge auch einmal erleben zu wollen, denn ich hatte eben solche Momente bereits! Ich hatte die großen Gefühle, die qualvollen Dramen. Ich muss nun zwangsläfig grinsen. In meinem Kopf erscheinen sie wie Kurzfilme: Die schlaflosen Nächte; Tage voller Gelächter; Träume und die aufflammende Hoffnung im Herzen. Tränen des Vermissens, Tränen des Wiedersehens, des Abschieds. Und natürlich: die Küsse. – Wer könnte sie je vergessen?

Und auch euch können sie jederzeit passieren, diese herrlich unberechenbare Liebe!

 

heart

 

Liebe ist alles was unser Leben steigert, erweitert,
bereichert. Nach allen Höhen und Tiefen. Die Liebe ist so
unproblematisch wie ein Fahrzeug. Problematisch sind nur
die Lenker, die Fahrgäste und die Straße.“

Franz Kafka

Also kommen wir zurück auf den harten, kalten Boden der Tatsachen: Was bringt einem das Alles, neunmalkluge Ratschläge, Träumereien und all die Erkenntnisse, wenn man dort wieder weinend, zusammengekauert auf den eisigen Badfliesen liegt, fertig mit der Welt; Kafkas metaphorisches Auto gegen die Wand gefahren ist?! Sie sind ähnlich hilfreich wie ein hingeworfenes: „Ach, das wird schon wieder!“

Womöglich muss man es wohl manchmal einfach hören, also keine dumme Floskeln, sondern dass man ok ist, exakt so wie man ist und der eigene, ganz spezielle Charakter und Charme auch von der Bereitschaft zu Leidenschaft und einer Offenheit zu tiefer Liebe herrührt. Und das muss auch nichts Schlechtes sein! Ganz persönlich finde ich offene Charaktere ja durchaus sehr charmant und allemal besser als Distanziertheit! Und auch schon bei Platon, vor über 2000 Jahren, stand, wie jemand liebt, sei Ausdruck der Größe seines Charakters. Der Gute! Er sagte allerdings auch:

heart

Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit.“

Haha. Vielleicht auch dies! Aber mal ganz ehrlich, was wäre das Leben ohne Leidenschaft??? Basic!

Leidenschaft kommt halt immer im Gepäck mit Leid. (Es ist ja – No shit!  – auch schon im Wort enthalten.) Der leidvolle Part ist quasi das Kleingedruckte im Vertrag. Das ist also der Deal! – Gehe ihn ein oder lass es! Ein Scheitern ist ja auch nicht zwingend vorprogrammiert, aber wie bei Disney laufen Liebe und Partnerschaft eben auch nicht ab.

Denn das romantische Glück ist nicht ungetrübt, sondern steht unter dem Druck von widersprüchlichen Diskursen. Faktisch hat die Konsumkultur einfach die Ideale und Werte von uns Menschen verändert. Die moderne Liebe will nichts mehr zu tun haben mit Heiratsmärkten, mit Nützlichkeit, mit Berechnung und Abhängigkeit. Und ja, wir schätzen diese Veränderung. Aber hohe Werte bringen auch oftmals inkompatiblen Erwartungsdruck mit sich.

Und natürlich haben viele zudem, dank Narben aus der Vegangenheit, Angst vor einer neuen Verletzungen. Denn jetzt stehen Gefühle im Mittelpunkt – mit ihnen steht und fällt eine Verbindung. Nur sond Gefühle unberechenbar.

Also kann man sagen: Die komplexe Beziehung zwischen gelebter Liebespraxis, autobiographischen (Liebes-/Lebens-)Erfahrungen, den (zum großen Teil unrealistischen) Geschichten der Massenmedien und den Glücksversprechungen der Konsumkultur erweist sich als schwere Aufgabe. (vgl. H.Band) Demnach sollte man bei einer aufkeimenden Liebschaft wohl immer die eigenen Ideale hinterfragen, reflektieren wo sie herkommen und muss gefühlsmäßig auch eine Menge wagen, damit man sich genug öffnet.

Lucy

Und warum auch nicht?! Schlussendlich verehren wir ja auch die Helden der Menschengeschichte, die voller Inbrunst und Mut ihren Gefühlen nachgingen, singen ihre Lieder und verfilmen ihre Geschichten, ob Romeo und Julia, Helena und Paris von Troja, Bonnie und Clyde. Wir weinen mit ihnen, träumen sie in unser Leben oder uns in ihres. Aber Angst bremst uns selbst so impulsiv zu handeln.

Ähnlich gelagert ist es mit unserer Beziehung zu Extremsportlern. – Früh vor dem anstrengenden Job ziehen wir unsere DC-Schuhe an, weil Danny Way so ziemlich alles mit seinem Brett überspringen kann oder stylische Vans wegen Typen wie Bob Burnquist, Dustin Dollin oder Bucky Lasek. Wir spielen „Tony Hawk’s Skateboarding“, während wir höchstens noch mit einem Plastecruiser eine gerade Strecke lang rollen, das Herz bereits pochend bis zum Hals. Von der ganzen Trashershirt-Hipster-Plage und ihrer nicht existenten Beziehung zum Skaten fange ich erst gar nicht an! (Ob die überhaupt wissen, was „Trasher“ ist?!)

Immer auf Nummer sicher gehen, ist die Devise! Angst hält ja auch die Massen ruhig!

Lucy
heart

Und auch ich bin nicht besser; hatte es vor zu lassen mit der Liebe (nicht dem Skaten), zumindest für eine Weile. Man muss sich ja auch mal auf das Heilen konzentrieren, nich?! Aber Fakt ist: Es ist die Angst, die mich kuschen lässt. Doch trotz aller Ängste und Bedenken schleichen sich Gefühle eben ein, wenn man nicht damit rechnet. Liebe ist halt ein listiger Bastard!

Und warum sollte sie sich auch nicht in unser leben sneaken?! In Liebe wohnt, was von Utopien geblieben ist und wenn wir eins gelernt haben heute, dann das:

risk

Quellen: https://de.statista.com | bibliothekderfreien | Eva Illouz | Henri Band

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3 Kommentare auf "Tausend"

Wirklich schön geschrieben, macht nachdenklich gerade wenn man nur die/der eine ist der am ende liegen bleibt.

Einfach toll geschrieben! Dass es aus tiefstem Herzen kommt, ist unverkennbar! Ich freue mich auf weitere berührende Texte und Gedanken von dir! Herzlich, Anja!

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