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Aktionswochen gegen Antisemitismus – Auschwitz Gedenken

Genau heute, am 27. Januar, vor 72 Jahren wurde das KZ Auschwitz von der Roten Armee befreit. Zuvor waren etwa 1,1 Millionen Menschen dort ermordet worden: Rund eine Million Jüdinnen und Juden, etwa 21.000 Roma und Sinti, 15.000 sowjetische Kriegsgefangene und mehr als 80.000 aus politischen und anderen Gründen nach Auschwitz Deportierte. Stellvertretend für alle Orte des Holocausts wurde das Datum der Auschwitz-Befreiung von der UNO als Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt. In Deutschland wird der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus offiziell seit 1996 begangen. Heute ist also Zeit zu Gedenken.

Die Erinnerung ist wie das Wasser: Sie ist lebensnotwendig und sie sucht sich ihre eigenen Wege in neue Räume und zu anderen Menschen. Sie ist immer konkret: Sie hat Gesichter vor Augen, und Orte, Gerüche und Geräusche. Sie hat kein Verfallsdatum und sie ist nicht per Beschluß für bearbeitet oder für beendet zu erklären.

 

Auch deshalb wollen wir als Opfer und sollen wir als Opfer nicht vergessen werden. Auch die heutige und die zukünftige Welt müssen wissen, wie das Unrecht, die Sklaverei der Zwangsarbeit und der Massenmord organisiert wurden und wer die Verantwortlichen dafür waren.
Dies soll immer wieder dokumentiert und den jungen Menschen erklärt werden: Zur Erinnerung an uns und unsere ermordeten Angehörigen und zu ihrem Schutz in ihrer Zukunft.“

– Noach Flug sel. A.
(1925-2011, Auschwitz-Überlebender und Präsident des IAK)

Auschwitz
Auschwitz

Die Zahlen der Ermordeten sind kaum vorstellbar, die der wenigen Überlebenden hingegen überschaubar: nur rund 7.000 schwer kranke, ausgemergelte Menschen überlebten die Grauen des Lagers. Auschwitz steht nun symbolisch für den Massenmord an europäischen Juden und für das Leid von Millionen anderen Menschen, die vom Nazi-Regime verfolgt und umgebracht wurden.

Im Rahmen der im letzten Beitrag vorgestellten „Wochen gegen Antisemitismus“ reiste ich nun mit dem Treibhaus e.V. und dem Herbert Wehner Bildungswerk im November auf einer Bildungsreise Richtung KZ Auschwitz. Meine Gedanken kreisten darum was mich erwarten wird, wie es mir ergehen würde mit dem Gesehenen. Ich hatte Angst.

Auschwitz

Dabei sollte man meinen, ich sei vorbereitet auf das Bevorstehende. Bereits als Kind brachten mich meine Eltern, gewissermaßen als „Rassismus-Prophylaxe“, in verschiedenste KZ´s und berichteten von den Gräueltaten der Nationalsozialisten. Doch ich muss zugeben, weder damals noch heute war es mir möglich das Geschehene vollends zu begreifen.

Kann man das überhaupt?! Bereits in der Grundschule liest man Bücher wie „Damals war es Friedrich“ oder „Der gelbe Vogel“, vielleicht sogar die Tagebücher der Anne Frank. Man erfährt von den Viehzügen voller Menschen, von Stacheldrahtzäunen und Judenstern. Wir lernen, dass sich die Jungs Israel und die Mädchen Sara nennen mussten. Hören von Einzelschicksalen, identifizieren uns mit Anne. Gleichzeitig fliegen uns immer wieder die unfassbaren Zahlen der Ermordeten um die Ohren. Später im Geschichtsunterricht dann irgendwann die Bilder von den gestapelten Leichen und den ausgemergelten Überlebenden, den kalten Fratzen der SS.

Auschwitz

Dieser unbegreifbare Wahnsinn paart sich nun mit gefühlten Seelenfreundschaften zu manchen Opfern oder mit vereinzelten Liebesgeschichten zwischen Inhaftierten, die wir nur allzu gut nachempfinden können. Schließlich waren wir ja auch schon verliebt.

Ja, unser Gehirn ist ein spannendes Organ. Es verdrängt, was wir nicht begreifen oder verarbeiten können. Es schützt uns. Und so wohl auch in diesem Fall des Holocaust. Vermutlich schon im Kindheitsalter beginnt dieser Verdrängungsprozess, um die gewaltige Spannung der zwei Welten ertragen zu können. Also hört man sich die endlosen Reden der Geschichtslehrer an und speichert es irgendwo im Gehirn ab unter „Lernstoff, der früher oder später abgefragt wird“.

Lucy

Ich weiß es noch wie heute, als einer meiner Mitschüler beim Sozialabitur im Geschichtsunterricht entnervt sagte, man „habe das doch alles schon tausende Male gehört und wisse nun wirklich ALLES über diese Zeit.“ Er bat das Thema doch endlich abhaken zu können, denn „wirklich jeder wisse doch nun, dass Nazis schlecht sind und man nie so werden darf und wird“.

Ein irrelevantes, unwichtiges Thema? Ich verlor fast mein letztes bisschen Contenance, kämpfte ich doch bereits zu der Zeit ständig mit dem Naziproblem in unserer Stadt, fuhr jedes Wochenende auf Gegendemos wegen Naziaufmärschen.

Und doch steht er exemplarisch für unsere Generation. – Wir, vor allem die Jüngeren unter uns, sind die Generation, die sich aus einem Mix von entnervt und angewidert die schrecklichen Leichenbilder Jahr für Jahr anschauen müssen, das alles einfach nicht mehr hören und sehen wollen.
Auch die letzten noch irgendwie direkt vom Nationalsozialismus angehauchten Lehrer und Lehrerinnen sind garantiert in Rente gegangen, bevor sie uns hätten unterrichten können, unsere Elterngeneration kämpfte mit den Repressalien der DDR. Selbst unsere Großeltern wurden meist nach dem Krieg geboren. Die schwarz-weißen Kriegs-Bilder könnten ebenso gut aus dem Mittelalter oder der Antike stammen, so fern scheinen sie. Die letzten Zeitzeugen und Opfer sind am verschwinden und nehmen das letzte bisschen Greifbarkeit mit sich.

Obendrein wird man noch abgestumpft von Hollywoodfilmen und Co. Während also wieder eine schwarz-weiß, grisselige Reportage im Geschichtsunterricht läuft, schreiben wir lieber Zettelchen mit dem Kumpel drei Tische weiter und belächeln müde den idealistischen Geschichtslehrer. Über die öffentlich-rechtlichen Sender mit ihren Kriegsreportagen zappen wir schneller hinweg, als wir Werbung auf YouTube wegklicken.

Und genau da liegt das Problem: Wir sind nicht abgestumpft. Im Gegenteil, wir haben uns nie wirklich mit alledem auseinandersetzen müssen, oder auch wollen. Als es begann uns zu berühren haben wir zugemacht, uns geschützt. Wovor die Lehrer gewarnt haben, ist nun längst passiert, irgendwo zwischen Dschungelcamp, Fußball-WM und Terrormeldungen:

Wir haben Auschwitz vergessen. Unbemerkt. Einfach so.

Lucy

Sobald nun doch ein Bild erscheint, sobald sich einer der Freunde mit dem Thema befasst und es teilen will, reagieren wir nicht betroffen, sondern genervt. Warum muss nun wieder eine diese Büchse der Pandora aufmachen?! Die Antifa mit ihren „Gegen das Vergessen“ Aufklebern werden ebenso abschätzig belächelt, wie damals der gutherzige, aber langweilige Geschichtslehrer.

Und nun dieser Beitrag hier… Ich denke schon der Name, das Beitragsbild, wird die meisten abschrecken rein zu lesen. Aber vielleicht gibt es eben auch….. Dich! – Ja Du, der oder die das hier gerade liest und mich begleitet auf meinem Weg zum Gedenken. Ich danke Dir dafür.

Auschwitz

Ich fragte mich nun also: Wie kann ich dem Vergessen in mir entgegen wirken und wie lässt sich die Erinnerung an NS-Verbrechen über die nächsten Generationen wachhalten? Zum Beispiel mit einem Besuch im Konzentrationslager, darüber schreiben.

Doch kaum an unserer ersten Station der Bildungsreise – in Auschwitz II/ Birkenau angekommen passierte, was ich zuvor befürchtete: Meine Schutzhaut bröckelte bereits beim Anblick der Zäune von außen. Mir kamen all die Gesichter der Menschen hoch, die ich im Laufe der Jahre in Reportagen und Büchern gesehen hatte. Mein Hals schnürte sich zu.

Auschwitz
Auschwitz

Nie zuvor hatte ich den Wunsch nach Menschlichkeit so stark verspürt wie jetzt in diesem Moment, während ich den Wachturm mit wackligen Beinen betrat. Unsere Führerin des Tages sprach die üblichen Zahlen und Fakten herunter, aber das Gefühl das in mir wuchs, überschattete alles.

Ich konnte nicht mehr zuhören.

Auschwitz

Dann ging die 4-stündige Tour los. Man schwankte zwischen Schock, Betroffenheit, unendlicher Wut, Hilflosigkeit und purer Traurigkeit. Später fuhren wir noch in das Archiv des Stammlagers und machten nächsten Tag auch durch dieses eine ausführliche Tour. Die erschütternde Kraft des Ortes, an dem die kühl technisierte Barbarei und die Vernichtungsindustrie plötzlich so anschaulich wird – durch abrupt endende Bahngleise, durch Kinderzeichnungen und abgeschnittene Zöpfen, riss mich mit sich.

Ich sprach kaum mehr ein Wort, lief wie gesteuert durch die Gebäude und Wege.

Auschwitz
Auschwitz
Auschwitz

Ich stellte mir das Schreien der Mütter und ihrer Kinder vor, als ich die aufbewahrten Babysachen sah, die Angst, den Hunger. Als es mir zu viel wurde und ich raus ging, schauten mich auch auf dem Flur von überall Opfer an. Dort hingen die vom Lagerpersonal gemachten Häftlingsfotos mit den Todesdaten. Kaum einer überlebte wenige Wochen.

Die vielen einzelnen Momente, die mich besonders trafen, kann ich gar nicht alle aufzählen. Aber das muss ich vielleicht auch nicht. Findet für euch eigene Wege des Gedenkens. Nutzt vielleicht solche Angebote wie diese Reise. Sie war anstrengend, aber lehrreich, hat mir gezeigt wie wenig ich doch wusste. Dabei befasse ich mich oft mit dieser Thematik!

Lucy

Die wichtigsten Infos zu der 5-Tages-Reise, die ich antrat, fasste das Wehnerwerk so zusammen:
Diese Bildungsfahrt folgt dem Weg der Juden von Krakau über die Deportation in das Ghetto in Podgòrze bis ins Vernichtungslager Auschwitz. Aus dem Programm: thematische Stadtführungen in Krakau und Oswiecim, Zeitzeugengespräch, Gedenkstätte Auschwitz.
Im Teilnahmebeitrag von 100 Euro ist der Bustransfer, Übernachtung mit Frühstück und das Programm enthalten.

Auschwitz

Wir sind es den Millionen Opfern des Nationalsozialismus schuldig, wachsam zu sein und hetzenden Geschichtsverdrehern nicht auf den Leim zu gehen, denn die Geschichte lehrt uns, dass fremdenfeindlichen Sprüchen sehr schnell fremdenfeindlich-motivierte gewalttätige Taten folgen können. Also befasst euch mit aktuellen rechten Tendenzen und gedenkt den Opfern des Holocaust. Sie mahnen uns Fremdenhass und Rassismus von Beginn an entschieden entgegenzutreten.

Schließt euch doch vielleicht den heutigen Gedenkveranstaltungen an oder gedenkt für euch indem ihr euch heute intensiv mit diesem Teil der Geschichte befasst (es laufen verschienste Reportagen) oder in Eigeninitiative Blumen oder Kerzen an den Stolpersteinen in eurer Stadt niederlegt.

Gegen das Vergessen.

Döbeln Stadtrundgang Treibhaus
Döbeln Stadtrundgang Treibhaus
Döbeln Stadtrundgang Treibhaus
Döbeln Stadtrundgang Treibhaus
Auschwitz
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7 Kommentare auf "Aktionswochen gegen Antisemitismus – Auschwitz Gedenken"

Ich hab hier gerade meine Taschentuchbox leer geheult. Und da waren noch ein paar mehr Tücher drin. Aber ich bin dir sehr dankbar für diesen Blogpost. Ich werde auch einmal diesen Ausschwitz-Ausflug machen.
Ich bin zwar immer auf der Hut vor Extremismus durch meine Familie und Eltern, die unter Ceausescu im komministischen System sehr gelitten haben. Deswegen habe ich oft Selbstzweifel und ein ungutes Gefühl, wenn ich an mir entsetzte Abwehrreaktionen auf rechtes oder auch nur konservatives Gedankengut beobachte.
Allerdings kann ich bei genauerer Betrachtung daran nichts ungerechtfertigt finden. Und zu dieser genaueren Betrachtung zählen auch Dinge wie dieser Blogpost. Jetzt fühl ich mich ein bisschen weniger irrational in meiner „linksgrünversifften“ Denkweise. Und das, obwohl ich doch gerade mehr emotional als rational bin.

Ich schicke dir mal digital ganz viel Liebe, auch wenn ich dich nie kennen lernen werde.

Vielen Dank für deinen Bericht. Ich bin durch Zufall auf deine Website gestoßen, weil mich die Bildungsreise mit dem Wehnerwerk interessiert, und ich Erfahrungsberichte dazu gesucht habe.

Ich bin die Enkeltochter eines Holocaustüberlebenden. Mein Großvater, ein polnischer Katholik, hat Auschwitz und 4 Jahre Zwangsarbeit in Deutschland überlebt. Ich war 2009 in Auschwitz I und II, aber es war sehr kurz, und ich würde gerne etwas mehr Zeit dort verbringen, um mir mehr anzuschauen, wenngleich ich weiss, dass das sehr schmerzlich ist.

Das Thema Gedenken und Erinnerungskultur ist mir sehr wichtig. Auf meinem Blog tauchen immer wieder Beiträge auf z.B. Bildungsreise nach Lublin zu den Vernichtungslagern Majdanek, Belzec, Treblinka und Sobibor, meinen Besuch der Yad Vashem Gedenkstätte (Jerusalem) und andere Orte (z.B. Tötungsanstalt Hadamar, Haus der Wannsee-Konferenz). Ich berichte auch immer wieder über Bücher, die sich mit der Shoah befassen oder über Museen (z.B. Jüdisches Museum Berlin).

Liebe Grüße
Barbara
http://erlesene-jahreszeiten.blogspot.de

Sehr schön geschrieben. Ich hatte leider noch nicht die Möglichkeit diesen Ort des Grauens selbst zu sehen. Und solange man nicht vor Ort war bleibt es irgendwie surreal. Als polnisch Stämmiger ist es aber definitiv eine Sache der ich mich annehmen werde. Danke für den Hinweis mit der Bildungsreise.

Sehr gut geschrieben! Ich war 2008 auch in beiden Lagern. Es ist wirklich was anders, wenn man mal dort gewesen ist. Erschreckend fand ich vor allem den Raum mit den Haaren, da musste ich weinen. Ich mag mir diese Angst gar nicht wirklich vorstellen. Angst ist ein so widerliches Gefühl…

Lieben Gruß,
Jennifer

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