Allgemein, Für den Kopf

Neustadtkümmerin my ass

Wie bereits bekannt, wohne ich derzeit hauptsächlich in Dresden, um genauer zu sein im beliebten Szeneviertel Neustadt. Meine ursprünglichen Pläne beinhalteten zwischen Berlin und Dresden zu pendeln und auch Mum in der Heimat regelmäßige Besuche abzustatten. Doch diese Vorhaben waren wohl etwas zu optimistisch geplant. Die Traumatherapie kostet Zeit und Kraft, zudem habe ich hier viele fruchtbare Projekte für mich entdeckt.

Nun mag ich die Neustadt mittlerweile sehr. Die Menschen in Dresden sind etwas eigen und viel verschlossener als in Berlin, das betrifft auch und besonders ihr Flirtverhalten. Man braucht eine Weile um hier Kontakte oder gar Freundschaften aufzubauen. Doch das stellt aktuell kein Problem mehr für mich dar. Ich bin angekommen.

BRN 2017

Kaum fühle ich mich weitestgehend wohl hier, wird einem eine sogenannte „Kümmerin“ vor die Nase gesetzt. Allein der Name stößt mir (und offensichtlich auch vielen anderen) gewaltig auf. Ich brauche weder Jemanden, der sich um mich „kümmert“, denn ich kann ja nun bereits eine ganze Weile völlig alleine für mich sorgen, noch möchte ich irgendeine Form der staatlichen Bevormundung.

Denn am Ende ist diese neue Position genau dieses – keine Sprecherin von und für uns, die vermeintliche „Kümmerin“ ist nichts anderes als eine Mitarbeiterin des Ortsamtes und unterliegt damit auch deren Wünschen, Regeln und Zielsetzungen.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass bei den bisherigen öffentlichen Auftritten sowie bei der offiziellen Eröffnungsfeier hauptsächlich ihr neuer federschwingender Arbeitgeber, Ortsamtsleiter André Barth, sprach. Der freut sich natürlich über den vermeintlichen Fuß in die Neustadt, damit hier auch endlich Recht und Ordnung eintritt, das Stadtbild auch künftig seinen Vorstellungen entspricht.

Wie diese Vorstellungen aussehen konnte man bei der letzten Bürgersprechstunde erahnen, an der auch ich teilnahm, denn da ging es zum großen Teil um das „Problem Graffiti“, was für mich und viele andere gar kein Problem darstellt. Die Neustadt ist ein Szeneviertel aus genau solchen Gründen, nämlich dass hier die Wände so bunt sind wie die Bewohner selbst.

Doch folgt man blind und unreflektiert den Gesetzen in diesem kontrollierenden, unterdrückenden Staat, dann will man solche „Straftaten“ natürlich nicht. Aber schön dabei zugucken, wie im Nachbarhaus wieder eine Familie abgeschoben wird oder wie auf den Demos hier und auch in anderen Städten (siehe Hamburg G20) ein gewaltsamer Polizeiübergriff nach dem anderen passiert. Das stellt alles kein Problem dar, aber etwas Farbe an der Wand! Gott bin ich froh, dass es linke Gruppierungen und Orte gibt, die einen Gegenentwurf zu all diesem Elend bieten.

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Die neue „Kümmerin“ der Neustadt, Manuela Möser, hingegen befasste sich vor ihrem Arbeitsantritt in diesem Kontaktbüro mit – höchstwahrscheinlich staatlich aufgezwungenen – Projekten für Langzeitarbeitslose und arbeitete in einem Flüchtlingsheim im Dresdner Hechtviertel. Klasse!

Nun mag sich manch einer fragen, wie kam es überhaupt zu diesem Desaster? Ausgangspunkt war wohl eine Einwohnerversammlung zur Aufhebung der Polizeiverordnung über das Alkoholabgabeverbot im Stadtteil. Bei der Versammlung wünschten sich einige Bewohner den Einsatz einer Neustadtkümmerin bzw. eines Neustadtkümmerers.

Doch wie dieser Wunsch nun umgesetzt wurde, war sicher nicht nach den Vorstellungen der Bürger und Bürgerinnen*. Sie erträumten sich eine Person ähnlich einem Sozialarbeiter/einer Sozialarbeiterin*, mit der/dem sie Probleme besprechen können, Jemand von uns, der demnach auch die Sorgen und Nöte verstehen kann und kreativ an Lösungen arbeitet. Nun haben sie den Salat!

Über die Anlaufstelle sollen „Verwaltungsprozesse transparent gemacht und Möglichkeiten zum Mitdiskutieren geschaffen werden“. „Deshalb bieten wir Vor-Ort-Sprechstunden in diesem Kontaktbüro an und zeigen damit Präsenz im Stadtteil. Ich hoffe, dass die Neustädterinnen und Neustädter das Angebot rege nutzen“, sagte Detlef Sittel, erster Bürgermeister und Beigeordneter für Ordnung und Sicherheit.

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Da wären wir ja wieder mal bei Ordnung und Sauberkeit. Und dabei bleibt es nicht: In den Räumlichkeiten werden auch Bürgerpolizisten und Scheunenvorplatzmanager Olaf Hornuf Platz nehmen. Yay – noch mehr Polizei!!!

Jeder/Jede* mit dunklerer Hauttönung, der/die hier stetigen rassistisch-geprofilten Kontrollen ausgesetzt ist und jede/r Hundebesitzer/in*, der/die permanent vom Ordnungsamt wegen irgendwelchem Mist angekackt wird (Sie kontrollieren unter anderem ob man auch ja 3 Kotbeutel mitführt, selbstredend unabhängig davon, ob man eben erst in Sichtweite einen entsorgte. -_-), jeder/jede Graffitisprayer/in*, jeder Mensch, der sich offen politisch für etwas einsetzt wird weniger begeistert sein. – Und das ist nur eine kleine Auswahl von Menschen, die permanent kriminalisiert werden oder auf Machtdemonstrationen und Diskriminierung seitens des Staates und dessen ausführende Organe einfach keinen Bock haben.

Also wer wirklich meint diese nun noch mehr erhöhte Präsenz von Staatsapperaten im Stadtteil wäre etwas Positives, dem/der ist wirklich nicht mehr zu helfen!

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In der Nacht vor der Eröffnung haben sich weitere Kritiker mit großem Anarchiezeichen und dem Slogan – „Die Neustadt kümmert sich selbst!“ – zu Wort gemeldet. Und auch Sticker mit dieser Thematik sind überall in der Neustadt aufgetaucht. Es freut mich wirklich sehr, dass ich mit dieser Meinung nicht alleine stehe.

Wir brauchen ein solidarisches Miteinander und keinen Vermittler zwischen Behörden und uns. Ich möchte mit solchen Institutionen in keiner Weise zusammenarbeiten und ganz besonders nicht von ihnen bevormundet werden.

Ich gestalte meinen Stadtteil stattdessen lieber selber mit und unterstütze soziale, selbstorganisierte Projekte (Foodsharing, KüfAs/VoKüs – bezahlbare warme Mahlzeiten auf Spendenbasis, alternative Bibliotheken und Orte wie das malobeo oder das AZ Conni). Dort habe ich wirklich das Gefühl Solidarität zu erfahren und einen positiven Einfluss auf das Viertel und diese Stadt auszuüben.

„Die Neustadt kümmert sich selbst!“ halt.

BRN 2017
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Eine Anmerkung noch zum Abschluss: Richtig traurig finde ich die Graffitisprayer, die schön brav  „Neustädter Amtsstube“ (Also alleine das ist so unfassbar peinlich!!!) an den Container sprayten und sich danach auch noch über das politische Statement aufregten, dass nachts sagen wir mal: „darüber platziert wurde“.

Leute, ihr könnt euch sicher sein, dass die Kümmerin, alle anderen Beschäftigten des Büros und auch deren Chefs die ersten sind, die euch anzeigen, wenn ihr ausserhalb dieses legalen Graffiti-Geländes eurer Kunst nachgeht, denn sie gehören ALLE zu dem Repressionsapparat, der euch verfolgt und in letzter Instanz auch wegsperrt. Die Stelle der Kümmerin wurde unter anderem dafür geschaffen „Kriminalität“ zu bekämpfen, damit laut ihrer Definition auch eure Straßenkunst.

Also haltet mal den Ball flach und wenn ihr mal rausfinden solltet, wer den Slogan sprühte, gebt lieber High Fives als unüberlegte Kritik! Händchenhalten mit Ordnungsamt, Polizei und Ortsamt?!

Also wirklich: Nope!

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